Warum Winfried Kretschmann der Automobilindustrie keinen Gefallen tut.

Die Parteigänger der Grünen verstehen sich als Vorreiter einer ökologisch verträglichen Zukunft, in der die Gesellschaft auf nachhaltige Weise mit Ressourcen umgeht. Diese Haltung spiegelt sich in vielen Entscheidungen der Partei wider und ist vor allem in vielen Strömungen der Partei Konsens. Umso erstaunlicher, was Winfried Kretschmann auf dem Parteitag der Grünen am vergangenen Wochenende in einem Hintergrundgespräch von sich gegeben hat.

Selten hat eine zentrale wirtschaftliche Forderung der Grünen, die in das Wahlprogramm der Bundestagswahl 2017 aufgenommen sollte, derartige Wellen geschlagen – und das auf indirekte Weise durch Äußerungen des baden-württembergischen Ministerpräsidenten gegenüber eines Parteikollegen. Und aufgezeichnet von einer laufenden Kamera.

In den Äußerungen äußert sich Kretschmann besorgt über den Antrag, ab dem Jahr 2030 keine Autos mit Verbrennungsmotoren neu zuzulassen. Ganz offensichtlich sorgt er sich hierbei um die kommende Bundestagswahl und die derzeit allgemein schwache Position der Grünen. Er führt dabei einige Argumente auf, die so auch an den Stammtischen des Landes geführt werden und daher durchaus interessant für eine nähere Betrachtung sind.

Bricht der Automobilstandort Deutschland zusammen, wenn gesetzliche Vorgaben dem Verbrennungsmotor die Rote Karte zeigen?

Als so genannter „Realo“ hat Winfried Kretschmann eine realpolitische Sicht, auch auf die Wirtschaft. Das gehört sicher auch zu seinen Erfolgsrezepten in seiner Ministerpräsidentschaft in Baden-Württemberg, die eine „besondere Weise“ der Bodenständigkeit fordert. Eine gewisse wirtschaftliche Ausrichtung gehört hier zum guten Ton, da Baden-Württemberg als Standort vieler nahmhafter Autohersteller und Automobilzulieferer einen großen Teil seiner Wirtschaftsleistung auf dem Automobilsektor generiert.

Wovor aber hat Kretschmann Angst? Gehen wir das im Schnelldurchlauf durch:

Wo sollen Elektroautos tanken, wenn es lange dauert?

„Überleg dir mal, es fahren fünf Millionen Elektroautos rum. Wo tanken die? An einer großen Tankstelle können heute vielleicht zehn Autos gleichzeitig tanken. Bei den E-Mobilen dauert das zwanzig Minuten.“

Die technischen Rahmendaten dieser Aussage mögen stimmen – faktisch fehlen allerdings die wichtigsten Pro-Argumente der Elektromobilität in Kretschmanns Aussage:

  • Rund 80 % der heutigen Autobesitzer fahren mit ihrem Auto täglich unter 60 Kilometer Strecke. Das Laden an „fremden“ Tankstellen wird für viele Besitzer von Elektrofahrzeugen schon heute eher zur Ausnahme gehören.
  • Das Konzept der Elektromobilität lebt auch mit dem Charme, dass der „Treibstoff“ der elektrischen Energie nicht ausschließlich an der Tankstelle getankt werden muss, sondern letztlich überall geladen werden kann, wo elektrische Energie zur Verfügung steht. Besitzer von Elektroautos sind es schon heute gewohnt, an der Arbeitsstätte, im Hotel etc. ihren Strom zu tanken.

Auch die Befürchtungen zum Gedränge an Tankstellen bzw. Ladesäulen haben wenig Grundlage:

  • Schon heute ist jede Großtankstelle vor allem eine Verschwendung von Platz und Ressourcen: Auf dem Platz einer jeden Großtankstelle ließe sich problemlos mindestens die vierfache Menge an Fahrzeugen zum Zwecke der elektrischen Aufladung der Batterie unterbringen.
  • Das Geschäft der Energieversorger leidet hierbei auch nicht sonderlich, da weiterhin letztlich Energie eingekauft werden muss. Durch die längere Standdauer von Elektrofahrzeugen ergeben sich eher sogar Möglichkeiten für Synergieeffekte und neue Geschäftsmodelle, beispielsweise in Zusammenarbeit mit direkt nebenan stationierten Restaurants und Geschäften für Reisebedarf etc.

Und letztlich wären reine Parkplätze für Elektrotankstellen eine echte Chance für Kommunen zur Verkehrssteuerung, denn im Gegensatz zum Park+Ride-Konzept ließen sich Elektrotankstellen-Parkplätze mit Ladeangeboten konkret in ihrer Attraktivität steuern bis hin zu tages- oder stundenaktuellen Angeboten je nach innerstädtischer Verkehrsbelastung und Ladeaufkommen. Für Gewerbetreibende mit eigenen Parkplätzen böte eine eigene Ladeinfrastruktur wiederum den Vorteil, aktiv Kunden mit Ladebedarf anzulocken.

Lieber lamentieren oder handeln?

Schon allein die obige Betrachtung der Kernargumente von Kretschmanns Wutrede lässt tief blicken. Tun wir uns einen Gefallen, zukünftige Mobilitätskonzepte rein mit Mitteln der heutigen Mobilität zu betrachten? Sicherlich, es ist einfach, mit der Urangst des Menschen, irgendwo im Unbekannten verloren zu sein, zu handeln.

Allerdings ist der Zeitraum bis 2030 lang. Sehr lang. Schon heute haben alle großen Automobilhersteller nicht nur fertige Konzepte für die Elektromobilität in der Schublade, sondern entwickeln und realisieren diese bereits. Und wenn ab 2030 keine neuen Autos mit Verbrennungsmotoren zugelassen würden, blieben bis mindestens 2040 noch sehr viele Autos mit Verbrennungsmotoren auf dem Markt.

Gerade mit der Elektromobilität hätte es aber die Politik nun in der Hand, mit wirksamen Anreizen und auch mit einer klaren, langfristigen Mobilitätsstrategie einen komplett neuen Markt zu eröffnen, der viel Raum für bestehende Marktteilnehmer lässt und einiges an neuen Konzepten und Geschäftsmodellen ermöglichen würde. Dazu wäre es gut und wichtig, dass sich der Ministerpräsident des automobilstärksten Bundeslandes als Unternehmer verstünde und nicht als Unterlasser. Eine Abschottungspolitik in ihrem Heimatmarkt nützt Unternehmen, die sich mit Innovation auf Weltmärkten behaupten müssen, herzlich wenig.

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