Ex-Daimler-Chef Edzard Reuter hält Tesla für einen Witz.

Bemerkenswerte Äußerungen hat der frühere Daimler-Vorstandsvorsitzende Edzard Reuter im Bezug auf die Marktführerschaft der deutschen Automobilindustrie in Sachen Elektromobilität in einem Interview mit dem Radiosender SWR1 von sich gegeben. Die deutsche Automobilindustrie brauche sich „technologisch mit Sicherheit nicht verstecken“ und der kalifornische Elektroautohersteller Tesla sei „ein Witz“ und „nicht Ernst zu nehmen“ im Vergleich zu großen Automobilunternehmen.

Edzard Reuter war von 1987 bis 1995 Vorstandsvorsitzender der damaligen Daimler-Benz AG. Der gebürtige Berliner steht für eine Ära des Stuttgarter Automobilbauers, in der er Daimler-Benz zu einem „integrierten Technologiekonzern“ umbauen wollte, unter anderem durch den massiven Zukauf von deutschen Technologieunternehmen. Einer Strategie, die Jahre danach bilanziert zu Verlusten von umgerechnet über 18 Milliarden Euro geführt haben und historisch betrachtet zu einer der größten Fehleinschätzungen der jüngeren Wirtschaftsgeschichte gehört.

Am 17. November 2015 gab der inzwischen 87 Jahre alte und immer noch sehr agile Reuter ein bemerkenswertes Interview im Radiosender SWR1 aus Stuttgart. Dort wurde er im Rahmen der Sendung „Leute“ von Moderator Stefan Siller zu vielen Themen befragt, unter anderem auch zum Thema Elektromobilität:

Stefan Siller:
Haben Sie denn nicht den Eindruck [..], dass die deutsche Automobilindustrie insgesamt die Entwicklung ein bißchen verschlafen hat? Dass man Toyota ein paar Jahre Vorsprung gegeben hat „Macht mal ihr euren Hybrid, ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt“?

Edzard Reuter:
Die Automobilindustrie hat doch nicht geschlafen! [..] Die deutsche Automobilindustrie ist zweifellos, wenn man das jetzt mal so national formuliert, bei weitem die erfolgreichste Automobilindustrie der Welt, unverändert. [..] Es ist eine Revolution im Gange, ausgelöst durch die Digitalisierung, die rund um die Welt geht, die vom Internet und von Cloudspeichern getragen wird. Da kommt es darauf an, ob die deutsche Automobilindustrie es schafft, ihre Spitzenposition, die sie bisher hatte und immer noch hat, zu bewahren in einem völlig neuen Umfeld. [..]

In der E-Mobilität wüsste ich nicht, dass irgendjemand uns die Nase voraus hat, wenn Sie also … Sie meinen jetzt wahrscheinlich die berühmte Firma Tesla aus Kalifornien. Das ist doch ein Witz! Das ist doch nicht Ernst zu nehmen in der Abwägung mit einem großen Automobilunternehmen. Das sind kleine Aufkömmlinge, die übrigens mit gewaltigen Verlusten, die sie ständig machen, sich das geleistet haben. Also warten wir’s mal ab. Ich bitte sie um alles in der Welt. Nein, ich bleibe dabei: Die deutsche Automobilindustrie braucht sich technologisch mit Sicherheit nicht verstecken.

Auch wenn Edzard Reuter heute keine unternehmerischen Verantwortungen mehr trägt, steht seine Ansicht zur Elektromobilität und zu Tesla fast lehrbuchartig für einen klassischen Generationenkonflikt. Auf der einen Seite das Selbstverständnis eines altgedienten Automobilbauers, der es als absolute Notwendigkeit empfindet, dass ein Autohersteller jahrelang alle Teile eines Autos selbst entwickeln und herstellen muss. Und auf der anderen Seite ein Unternehmen wie Tesla, das in kurzer Zeit vor allem ein funktionierendes Produkt abliefern will und zur Erfüllung dieser Aufgabe keine Scheu davor hat, auch in größeren Dimensionen auf Zulieferungen zu setzen, anstatt für jedes Detail eine Eigenentwicklung zu konzipieren.

Unterm Strich scheint die Strategie von Tesla zumindest nicht fundamental zu scheitern. Obwohl Tesla beispielsweise im Interieur zu großen Teilen auf die Expertise von anderen Autoherstellern zurückgreift – unter anderem auch bei Mercedes-Benz – scheinen diese scheinbar fehlenden Markenkernpunkte kein Grund zu sein, ein Tesla-Fahrzeug nicht zu kaufen. Gerade Tesla macht es vor, wie mit einem relativ schnörkellosen und geradezu schnödem Design im In- und Exterieur dennoch ein begehrtes Fahrzeug gebaut werden kann, wenn die Positionierung der Idee grundsätzlich stimmig ist. Offenkundig vermissen die meisten Besitzer eines Tesla-Fahrzeuges keine unabhängige Autowerkstatt, fühlen sich mit dem Kauf eines Autos über das Internet wohl und sind auch bereit für Wartezeiten von deutlich über einem halben Jahr. Denn im Gegensatz zu vielen anderen Autoherstellern, die in anderen Bereichen technologieführend sein mögen, kann Tesla bereits seit mehreren Jahren Elektroautos zu halbwegs bezahlbaren Preisen liefern und viele andere eben nicht.

Neben der fast schon anachronistisch wirkenden Fehleinschätzung der Elektromobilität und von Tesla hat Edzard Reuter auch noch ein paar richtig schwere Fakten außer acht gelassen. Gerade die Daimer AG gehört zu den wichtigsten Zulieferern von Tesla – und auch zu wichtigen Profiteuren von Tesla-Technologie, die unter anderem im Smart Fortwo Electric Drive und in der E-Mobil-Version der B-Klasse ihren Niederschlag im Daimler-Konzern findet. Und nicht zu vergessen ist einer der erfolgreichsten Investments der Daimler AG der letzten Jahre durch den hochprofitablen Verkauf eines Tesla-Aktienpakets.

Was übrig bleibt, ist „der Witz“. Der Duden definiert den Witz übrigens folgendermaßen:

Prägnant formulierte, kurze Geschichte, die mit einer unerwarteten Wendung, einem überraschenden Effekt, einer Pointe am Ende zum Lachen reizt.

Vielleicht hat Edzard Reuter mit dem Witz doch nicht so unrecht. 😉

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